Das Team der urologischen Abteilung
Die gängige Praxis
Ob überhaupt ein Verdacht auf Prostatakrebs vorliegt, wird mit einer Blutuntersuchung ermittelt. Gemessen wird die Konzentration des
„prostataspezifischen Antigens“ im Blut-Serum – das ist der sogenannte PSA-Wert. Die gemessenen Werte lassen allerdings keine eindeutige Diagnose zu: Ursache eines erhöhten Wertes kann auch eine gutartige Erkrankung sein.
Außerdem gibt es Prostatakrebs, der PSA-Werte im Normbereich aufweist. Das Abtasten der Prostata und der transrektale Ultraschall (TRUS) als weitere
diagnostische Methoden liefern oft auch nur ungenaue Ergebnisse. Erst die Gewebeprobe (Biopsie) kann einen bestehenden Krebsverdacht beweisen – aber wenn man den Tumor verfehlt, auch nicht sicher ausschließen. Die Untersuchungsmethode heißt in diesem Fall systematische Zufallsbiopsien. In dem Verfahren wird „schrotschussartig“ systematisch Gewebe aus geometrisch vordefinierten Arealen der Prostata entnommen. Das wird in der Regel zwischen sechs- und zwölfmal in einer Sitzung getan, bleibt dennoch ein eher ungezielter, zufälliger Nachweis eines Tumors. Deshalb bestimmt die Anzahl der individuellen Gewebeentnahmen pro Mehrfachbiopsie die Nachweis- genauigkeit.
Wegen dieser systemimmanenten Gefahr, ein Karzinom zu verfehlen, gibt es zusätzlich sogenannte Saturationsbiopsien. Sie beinhalten 24 bis zu über 100 Gewebeentnahmen pro systematischer Mehrfachbiopsie, um eine höhere Karzinomtrefferrate zu erreichen. 100 Entnahmen sind natürlich der Extremfall – so aber schon geschehen – und in dieser Form nur noch in Vollnarkose zu machen.
C-TRUS ANNA
Um mögliche Prostatakarzinome präziser und schonender als bislang diagnostizieren zu können, hat Dr. Tillmann Loch, Chefarzt der Urologie in der Ev.-Luth. Diakonissenanstalt in Flensburg (DIAKO) ein neues Diagnoseverfahren entwickelt. Dieses neue Verfahren ist eine Weiterentwicklung der konventionellen, transrektalen Ultraschalluntersuchung (TRUS). Der Nachteil des herkömmlichen Ultraschalls ist, dass die visuelle Beurteilung der Grautöne des Bildes spezifische Aussagen nicht wirklich zulassen.
Das neue Verfahren ermöglicht es, mithilfe des Computers (C-TRUS) zusätzliche Informationen aus den Aufnahmen herauszufiltern und auszuwerten, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind. Basis dafür ist die „artifizielle neuronale Netzwerkanalyse“ (ANNA). C-TRUS/ANNA heißt das neue Verfahren mit vollem Namen, dass in Flensburg schon bei rund 1.600 Patienten aus ganz Deutschland und dem Ausland angewendet wurde. Dabei wurden etwa 430 Tumore entdeckt, die auch nach im Mittel zwölf negativen vorhergehenden Biopsien nicht erkannt worden waren.
ANNA wurde für ihre Aufgabe regelrecht trainiert. Die Bildpunkte der Ultraschallaufnahmen wurden mit Auswertungen von später operativ entferntem Prostatagewebe genau verglichen und verrechnet. Die Prostatapräparate, Großflächenschnitte, wurden hierzu eingescannt und mittels Computertechnik exakt über die Ultraschallaufnahme gelegt. Mit diesen komplexen Daten wurde ANNA gefüttert; das System hat die Informationen erlernt und erkennt nun bei anderen Ultraschallbildern Formationen wieder, kann sie korrekt klassifizieren und projiziert seine Auswertung mit roten Markierungen auf die Aufnahme. ANNAs diagnostische Treffsicherheit ist in Studien bereits belegt: Sie erhöht die Treffsicherheit der Ultraschallauswertung signifikant.
Das Computersystem kann exakter als bisher gut- und bösartige Veränderungen des Gewebes erkennen und spürt dabei Stellen in der Prostata auf, die am verdächtigsten sind. Eine gezieltere Biopsie ist dadurch möglich. Mit ANNA können Tumore auch zuverlässiger in Stadien eingeteilt werden. Dabei können die behandelnden Ärztinnen und Ärzte auch mehr Informationen erhalten, ob der Krebs noch auf die Prostata begrenzt oder schon darüber hinaus gewachsen ist. Bislang wird oft erst nach der Operation festgestellt, ob der Krebs die Prostatakapsel schon verlassen hat. Mit diesem Wissen wäre die Therapieentscheidung vielleicht anders ausgefallen.
Für den Präventionsmuffel Mann und für betroffene Patienten ist das neue Verfahren eine echte Verbesserung: Die Anzahl der erforderlichen Biopsien wird radikal reduziert und die Sicherheit des Befunds ist deutlich höher. Der Krebs wird früher entdeckt und kann so auch früher behandelt werden.
Dr. Loch wurde für seine Veröffentlichungen über ANNA schon mit folgenden Preisen ausgezeichnet:
1988: Peter-Bischoff-Preis der Vereinigung Norddeutscher Urologen e. V.
1996: Best Poster Award der American Urological Association
1996: Bard-Preis der Deutschen Gesellschaft für Urologie e. V.
1999: Best Poster Presentation European Association of Urology
2003: Werner-Staehler-Gedächtnispreis der Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie
2004: Maximilian-Nitze-Preis für herausragende wissenschaftliche Leistungen der experimentellen oder klinischen Urologie (höchster Preis der Deutschen Gesellschaft für Urologie)